Im Gespräch mit der britischen Tageszeitung Times äußert IOC-Präsident Jacques Rogge seine Ansichten über Videospiele, die "Generation Facebook" und die daraus resultierenden Gefahren für den Sport - und lässt zwischen Worten wie "Bildschirmtyrannei" und "jugendlicher Fettsucht" auch Interpretationsmöglichkeiten für den eSport offen.
Sechsundvierzig Jahre ist der durchschnittliche Zuschauer bei den Olympischen Spielen alt, Tendenz steigend. Das antik-traditionelle Image, wie bei den Sommerspielen 2004 in Athen zum Teil auch bewusst von den Organisatioren gefördert, übt auf die jüngere Generation offenbar eine ähnlich schwache Anziehungskraft wie das Frühlingsfest der Volksmusik aus. Grund genug für den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitee, selbst sechsundsechzig Jahre alt, sich über die Gründe für diese Entwicklung Gedanken zu machen.
GTA statt Leichtathletik
Wie so oft sind es die Videospiele, die für die missliche Lage der Olympischen Spiele zumindest eine Mitverantwortung tragen sollen. Auf der Agenda für die Sommerspiele 2012 in London steht deshalb das Anliegen, die Jugend vom Bildschirm wegzulocken, ganz oben. Die Jugend solle sich bewegen, Sport treiben, anstatt sesshaft der "Bildschirmtyrannei" zum Opfer zu fallen.
"Natürlich macht Sport auch Spaß", führt Rogge weiter aus, "aber es benötigt auch Entbehrungs- bereitschaft und Disziplin. Das Schlüsselwort ist Erfolg - man wird niemals in einem Videospiel erfolgreich sein können". Zwar ist ihm mit 66 Jahren ein gewisses Desinteresse am eSport nicht zu verübeln, seine Unkenntnis oder Ablehnung allerdings derart offen zur Schau zu stellen, wenn man mit den DigitalGames selbst eine eSport-Veranstaltung im Rahmenprogramm der anstehenden Olympischen Spiele in Peking austrägt, macht dann aber doch etwas stutzig.
Nichtsdestotrotz sind es klare Worte, die die zarten Hoffnungen auf ein eSport-Event auch im Rahmen der Sommerspiele 2012 in London auf den ersten Blick zu zertrampeln scheinen. Auch, weil Rogge im weiteren Gespräch eine scharfe Trennlinie zieht: "Kinder werden von visuellen, interaktiven Kommunikationsmöglichkeiten angezogen. Es wird nicht leicht für den Sport, dies zu kontern".
Was bedeutet das für den eSport?
Betrachtet man andererseits Rogges Definition von Sport, erschließt sich im Hinblick auf den eSport doch eine durchaus positive Interpretationsmöglichkeit: Entbehrungsbereitschaft und Diziplin sind sicherlich auch für den Erfolg im eSport vonnöten. Dass Rogge als Chirurg die medizinische Relevanz der Bewegung beim Sport hoch einstuft, ist natürlich logisch - nicht zu vergessen bleibt aber auch, dass der Großteil der erfolgreichen eSportler hohen Wert auf physische Fitness legt und auch legen muss, um die Konzentration über ein Turnierwochenende hinweg aufrechtzuerhalten.
Den vielleicht wichtigsten Aspekt des Sports hebt Rogge allerdings im späteren Gesprächsverlauf hervor: Der integrative Charakter, der es dem Sport ermöglicht über soziale Klüfte oder sogar politische Brennpunkte hinweg verbindend zu wirken. Auch der eSport kann diese Funktion erfüllen - nur muss er es einem Menschen wie Jaques Rogge wohl erst noch beweisen.
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